Der Chor der Perser
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Brecht Gedichte

(Auswahl von Edith Perret)

 

Erinnerung an die Marie A.

1

An jenem Tag im blauen Mond September

Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen golden Traum.

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

 

2

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde

Geschwommen still hinunter und vorbei.

Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen

Und fragst Du mich, was mit der Liebe sei?

So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern

Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du

meinst.

Doch ihr Gesicht, das weiss ich wirklich

nimmer

Ich weiß nur mehr: ich küßte es dereinst.

 

3

Und auch der Kuß, ich hätt ihn längst

vergessen

Wenn nicht die Wolke dagewesen wär

Die weiß ich noch und wird ich immer

wissen

Sie war sehr weiß und kam von oben her.

Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch

immer

Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte

Kind

Doch jene Wolke blühte nur Minuten

Und als ich aufsah, schwand sie schon im

Wind.

 

Die Liebenden

Sieh jene Kraniche in großem Bogen!

Die Wolken, welche ihnen beigegeben

Zogen mit ihnen schon, als sie entflogen

Aus einem Leben in ein andres Leben

In gleicher Höhe und mit gleicher Eile

Scheinen sie alle beide nur daneben.

Daß so der Kranich mit der Wolke teile

Den schönen Himmel, den sie kurz befliegen

Daß also keines länger hier verweile

Und keines andres sehe als das Wiegen

Des andern in dem Wind, den beide spüren

Die jetzt im Fluge beieinander liegen

So mag der Wind sie in das Nichts entführen

Wenn sie nur nicht vergehen und sich bleiben

Solange kann sie beide nichts berühren

Solange kann man sie von jedem Ort vertreiben

Wo Regen drohen oder Schüsse schallen.

So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben

Fliegen sie hin, einander ganz verfallen.

Wohin ihr?

Nirgendhin.

Von wem davon?

Von allen.

Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?

Seit kurzem.

Und wann werden sie sich trennen?

Bald.

So scheint die Liebe Liebenden ein Halt.

 

Die Käuferin

Ich bin eine alte Frau.

Als Deutschland erwacht war

Wurden die Unterstützungen gekürzt. Meine Kinder

Gaben mir ab und zu einen Groschen. Ich konnte aber

Fast nichts mehr kaufen. Die erste Zeit

Ging ich also seltener in die Läden, wo ich früher täglich gekauft hatte.

Aber eines Tages dachte ich nach, und dann

Ging ich doch wieder täglich zum Bäcker, zur Grünkramhändlerin

Als alte Käuferin.

Sorgfältig wählte ich unter den Eßwaren

Griff nicht mehr heraus als früher, doch auch nicht  weniger

Legte die Brötchen zum Brot und den Lauch zum Kohl und erst

Wenn zusammengerechnet wurde, seufzte ich

Wühlte mit meinen steifen Fingern in meinem Lederbeutelchen

Und gestand kopfschüttelnd, daß mein Geld nicht  ausreiche

Das Wenige zu bezahlen, und ich verließ

Kopfschüttelnd den Laden, von allen Kunden gesehen.

Ich sagte mir:

Wenn wir alle, die nichts haben

Nicht mehr erscheinen, wo das Essen ausliegt

Könnte man meinen, wir brauchten nichts

Aber wenn wir kommen und nichts kaufen können

Weiß man Bescheid.

 

 

Bertolt Brecht, "An die Nachgeborenen"

     Dauerten wir unendlich
     So wanderte sich alles.
     Da wir aber endlich sind
     Bleibt vieles beim Alten.

 

Bertolt Brecht gilt als der bedeutendste Vertreter einer gesellschaftlich engagierten Literatur im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1989 als Sohn eines Papierfabrikanten in Augsburg geboren. Nach einer Zeit als Bürgerschreck in München und Berlin, wo seine nihilistisch-expressionistischen Gedichte und Stücke Skandal erregten, entdeckte Brecht 1926 den Marxismus und engagierte sich zunehmend für sozialistisch-kommunistische Gesellschaftskritik. 1933 emigrierte er nach Dänemark, später nach Schweden und Finnland. 1941 floh er vor den Nazis in die USA, wo er sich nach dem Krieg wegen 'unamerikanischen' Verhaltens verantworten musste. 1948 kehrte er nach Ost-Berlin zurück. Dort leitete er seine eigene Theatergruppe, das Berliner Ensemble. Er starb 1956.

Brecht war ein besonders vielseitiger und produktiver Autor. Seine Gesammelten Werke umfassen 20 Bände. Er schrieb gesellschaftskritische Gedichte, Songs, Prosawerke, Lehrstücke und sozial-realistische Dramen (Dreigroschenoper, Mutter Courage und ihre Kinder, Leben des Galilei). Er entwickelte ein 'episches', anti-illusorisches Theater, in dem Verfremdungseffekte den Zuschauer aus den ihm gewohnten Vorstellungen aufschrecken und zum kritischen Nachdenken bewegen sollen. Brecht betrachtete die Literatur als Waffe im Kampf für eine bessere Welt. Als Marxist träumte er von einer klassenlosen Gesellschaft, in der es kein Unrecht und keine Unterdrückung mehr gibt und alle Menschen gleich sind. Zugleich war er weise genug, seine Prinzipien zu relativieren. In einem Interview antwortete er auf die Frage, welches Buch ihn am meisten beeinflusst habe: "Sie werden lachen: die Bibel."

Das Gedicht An die Nachgeborenen, das er 1939 im dänischen Exil geschrieben hat, ist eine Art 'geistiges Testament', in dem Brecht die Bilanz seines Lebens zieht. Es steht im Lyrikband Svendborger Gedichte.
 

 An die Nachgeborenen 
 I   
 Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
 Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn 
 Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende 
 Hat die furchtbare Nachricht 
 Nur noch nicht empfangen. 
 
 Was sind das für Zeiten, wo 
 Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist 
 Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! 
 Der dort ruhig über die Straße geht 
 Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde 
 Die in Not sind? 
 
 Es ist wahr: Ich verdiene nur noch meinen Unterhalt 
 Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts 
 Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen. 
 Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.) 
 
 Man sagt mir: Iss und trink du! Sei froh, dass du hast! 
 Aber wie kann ich essen und trinken, wenn 
 Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und 
 Mein Glas Wasser einem Verdursteten fehlt? 
 Und doch esse und trinke ich. 
 
 Ich wäre gerne auch weise. 
 In den alten Büchern steht, was weise ist: 
 Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit 
 Ohne Furcht verbringen 
 Auch ohne Gewalt auskommen 
 Böses mit Gutem vergelten 
 Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen 
 Gilt für weise. 
 Alles das kann ich nicht: 
 Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten! 
 
   II 
 
 In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung 
 Als da Hunger herrschte. 
 Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs 
 Und ich empörte mich mit ihnen. 
 So verging meine Zeit 
 Die auf Erden mir gegeben war. 
 
 Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten 
 Schlafen legte ich mich unter die Mörder 
 Der Liebe pflegte ich achtlos 
 Und die Natur sah ich ohne Geduld. 
 So verging meine Zeit 
 Die auf Erden mir gegeben war. 
 
 Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit. 
 Die Sprache verriet mich dem Schlächter. 
 Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden 
 Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich. 

 
 So verging meine Zeit 
 Die auf Erden mir gegeben war. 
 
 Die Kräfte waren gering. Das Ziel 
 Lag in großer Ferne 
 Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich 
 Kaum zu erreichen. 
 So verging meine Zeit 
 Die auf Erden mir gegeben war.   
 
 III 
 
 Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut 
 In der wir untergegangen sind 
 Gedenkt 
 Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht 
 Auch der finsteren Zeit 
 Der ihr entronnen seid. 
 
 Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd 
 Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt 
 Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. 
 
 Dabei wissen wir doch: 
 Auch der Hass gegen die Niedrigkeit 
 Verzerrt die Züge. 
 Auch der Zorn über das Unrecht 
 Macht die Stimme heiser. Ach, wir 
 Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit 
 Konnten selber nicht freundlich sein. 
 
 Ihr aber, wenn es soweit sein wird 
 Dass der Mensch dem Menschen ein Helfer ist 
 Gedenkt unsrer 
 Mit Nachsicht.